
Über dir
Du siehst die Luft über dem See flimmern. Im Schatten der großen Weide kommentiert ein Schwarm Mücken surrend die Hitze der letzten Tage. Die Nachmittagssonne hält sie auf Abstand. Zärtlich verbrennt sie dir die nackte Haut.
Der See schickt flüsternd silbrige Wellen ans Ufer. Auf der Stromleitung hinter dir sitzen einhundert Schwalben. Die Hälfte von ihnen kann erst seit ein paar Tagen fliegen. Lautstark fordern sie von der anderen Hälfte, gefüttert zu werden. Wenn sie mal kurz still sind, meldet sich der Wind. Rauschen. Plätschern. Zwitschern. Sonne. Du schließt deine Augen. Bilder entstehen in deinem Kopf. Du stößt dich leicht mit den Händen ab und spürst, wie sich der Boden von dir löst.
Ungefähr einen halber Meter über dem Handtuch schwebst du nun. Du drehst dich vom Rücken auf den Bauch und liegst einfach mit ausgestreckten Armen in der Luft. Schwerelos. Endlich. Du bewegst die Fingerspitzen ganz leicht und wunderst dich, dass es funktioniert: Ganz langsam steigst du auf. Zwei. Drei, vier Meter. Schon befindest du dich auf Höhe der Stromleitung und hörst die Schwalben ganz dicht an deinem Ohr. Etwas zwickt dich in den großen Zeh.
Plötzlich liegst du wieder auf dem Rücken, auf deinem Handtuch. Du öffnest die Augen und siehst für den Bruchteil einer Sekunde eine Person in der Luft über dir schweben. Eure Augen treffen sich. Nach einem Blinzeln ist alles wieder wie zuvor. Die Schwalben schnattern, der Wind rauscht durch die Blätter, der See plätschert silbrig ans Ufer. Nur die Sonne ist fast weg. Und am Bauch hat dich eine Mücke erwischt.